Zwang ist die Durchsetzung eines gewünschten Verhaltens mit Hilfe von (physischer oder psychischer) Gewalt oder ihrer Androhung. Mit Zwang kann nie ein freiwilliges Verhalten vom Gezwungenen erreicht werden, weil das gewünschte Verhalten des Zwingenden per definitionem dem freiwilligen Verhalten des Gezwungenen entgegensteht. Andernfalls wäre Gewalt oder ihre Androhung überflüssig.

Zwang entsteht also folglich in dem Moment, in dem die Grenze zwischen freiwilligem Handeln und unfreiwilligem Handeln, um eine Verletzung (des Körpers oder des Geistes) abzuwenden, überschritten wird. Also wenn die eine Partei die Freiheit der anderen Partei zum eigenen Vorteil oder zum Vorteil Dritter nicht mehr respektiert oder akzeptiert.

Ein Beispiel ist die staatliche Einkommenssteuererhebung.
Ohne Abgabenzwang würde kein Mensch freiwilligauch nur den kleinsten Anteil seines Einkommens abgeben, ohne eine gewisse Gegenleistung zu fordern.
Man könnte nun einwenden, dass der Staat doch eine Gegenleistung erbringt, wie z.B. ALG II. Es ist allerdings so, dass diejenigen, die Steuern bezahlen müssen, normalerweise keinen Anspruch auf ALG II haben, da sie ja arbeiten, ergo ein Einkommen haben und Steuern zahlen. Diejenigen Steuerzahler, die ein so geringes Einkommen haben, dass sie für eine Aufstockung in Frage kommen und somit eine “Gegenleistung” erhalten, wären ohne diese “Gegenleistung” und ohne Abgabe finanziell besser gestellt, als aktuell, da sie ohne Steuern (alle Arten, nicht nur Einkommenssteuer) fast 100% mehr Einkommen hätten; weitaus mehr als der Aufstockungssatz ausmacht. Hier kann also auch nicht geradr von einer Win-Win-Situation gesprochen werden.
Da dieser “Handel” nicht für beide Seiten (Steuerzahler/Staat) gewinnbringend ist und der gesunde Menschenverstand normalerweise von solch einem Kuhhandel abrät, muss der Staat zu anderen Mitteln, als seinem spärlich vorhandenen Verhandlungsgeschick, greifen.
Zahlt man seine Steuern nicht, kommt sehr bald eine Mahnung, sprich die Androhung, sich das Eigentum des anderen (dem Steuerzahler in Spe) unter Gewalt anzueignen. Gibt der Bedrohtenicht nach, geht der Staat einen Schritt weiter und macht seine Drohung wahr. Sollte sich das Opfer wehren, darf es damit rechnen, entführt, sprich ins Gefängnis gesperrt zu werden. Und das ist nicht übertrieben! Hätte Uli Hoeneß sich geweigert, seine Steuern nachzuzahlen, hätte man ihn ins Gefängnis gesteckt.
Wo wurde nun in diesem Beispiel Zwang das erste Mal angewendet? Nicht als der Staat die Forderung nach der Abgabe an den Steuerzahler (in Spe) stellte, denn Letzterer konnte schließlich einfach ablehnen. Erst als die Mahnung, also die Drohung zur Gewaltanwendung, geschickt wurde, hat der Staat Zwang ausgeübt.
Da der Staat das Gewaltmonopol Inne hat, und somit der Stärkere ist, ist es für ihn ein Leichtes, seine Bürger unter Druck zu setzen, denn sie können ja schlecht die Polizei rufen, um sich zu verteidigen.
Der Bürger muss sich also fügen und handelt somit unfreiwillig.

 

Sarah Klostermair