von Bryan Caplan
Stellen wir uns vor, wir würden vor tausend Jahren das politische System der Demokratie vorschlagen. Wir skizzierten die Grundidee: „Alle paar Jahre werden wir eine freie Wahl haben. Jeder, der an die Macht möchte, kann sich als Kandidat aufstellen lassen, jeder Erwachsene kriegt eine Stimme, und wer immer die meisten Stimmen bekommt, übernimmt die Regierungsmacht bis zur nächsten Wahl.“ Wie würden unsere Zeitgenossen darauf reagieren?
Sie würden uns vermutlich als „verrückt“ bezeichnen. Weshalb? Bevor wir unser Plädoyer weiterführen könnten, würden sie uns unterbrechen: „Wollt ihr uns ernsthaft erzählen, dass wenn die herrschende Regierung die Wahl verliert, sie die Zügel der Macht friedlich an ihre Rivalen aushändigt!? Ja, ganz sicher!“
Tausend Jahre später ist der Planet von Demokratien überdeckt. In den meisten davon treffen die in Wahlen unterlegenen Amtsinhaber regelmäßig die „verrückte“ Entscheidung, friedlich von der Macht abzulassen. In langjährig bestehenden Demokratien sind wir an dieses Muster so gewöhnt, dass wir es für selbstverständlich halten. Aber das sollten wir nicht. Die Überlebensfähigkeit der Demokratie ist eine erstaunliche Tatsache, die einer Erklärung bedarf.
Meine Erklärung beginnt mit einem Gedankenexperiment. Stellen wir uns einen besiegten Amtsinhaber, sagen wir in Schweden, vor. Er versammelt seine Leute und erklärt: „So, wir haben eine dämliche Wahl verloren. Große Sache! Ich sage, wir weigern uns, die Macht abzugeben. Wenn irgendjemand protestiert, bringen wir ihn um!“
Was würden ihm seine Genossen antworten?
Zuerst würden sie denken, ihr Vorsitzender würde einen Scherz machen. Einen schlechten Scherz, aber einen Scherz. Wenn er weiterhin darauf bestünde, würden sie ihn für verrückt erklären. Die einzige Hilfe, die sie ihm anbieten würden, wäre, seine Familie anzurufen… oder einen Psychiater. Wenn der schwedische Regierungschef eine Pistole hervorholte und sagte, „Wenn ihr nicht für mich seid, seid ihr gegen mich!“, würden seine eigenen Leute die Polizei rufen. Wenn er weiterhin mit seiner Pistole herumwedelte, würde ihn die schwedische Polizei verhaften. Ende vom Staatsstreich.
Die Lehre: „Verrücktheit“ hängt von den Erwartungen ab. Vor tausend Jahren war jeder an solche Despotien gewöhnt. Niemand hätte erwartet, dass ein besiegter Amtsinhaber freiwillig seine Macht abgibt. Folglich schien es nicht verrückt, die Machtübergabe zu verweigern. Da es nicht verrückt erschien, hätten Amtsinhaber, die die Abgabe ihrer Macht verweigerten, es vermutlich auch geschafft, an der Macht zu bleiben. Im modernen Schweden dagegen ist jeder an Demokratie gewöhnt. Jeder erwartet von einem besiegten Regierungschef, seine Macht freiwillig abzugeben. Verweigern, von der Macht abzulassen, erscheint verrückt. Deshalb würde die Weigerung, die Macht zu überhändigen, nicht die Demokratie, sondern die Karriere des Amtsinhabers beenden.
Weshalb sollte das für uns von Interesse sein? Wie unser Demokrat vor tausend Jahren, spreche ich mich für einen radikalen politischen Wandel aus: Anarchokapitalismus. Nachdem wir alles andere privatisiert haben, denke ich, sollten wir auch die Polizei und Gerichtsbarkeit privatisieren und den Staat abschaffen.
Ich weiß, wie verrückt das klingt. Ich weiß auch, dass ich davon niemanden in einem Blogeintrag überzeugen kann. Dieser Eintrag hat auch ein moderateres Ziel: Skeptiker zu überzeugen, dass ein gängiges Argument gegen Anarchokapitalismus ganz wahnsinnig überschätzt wird. Das Argument: „Wollt ihr uns ernsthaft erzählen, dass private Polizeiunternehmen friedvoll Streitigkeiten klären werden, anstatt sich zu bekriegen bis eine Firma zur neuen Regierung wird? Ja, ganz sicher!“
Angesichts der momentanen öffentlichen Meinung ist dieses schreckliche Ergebnis schrecklich wahrscheinlich. Jeder ist an die Existenz eines Staates gewöhnt. Wenn die Polizei plötzlich von einem Dutzend privater Polizeiunternehmen ersetzt würde, erwarteten die Leute von den Unternehmensführern zu erklären, „Lasst uns die Konkurrenz attackieren und uns zur neuen Regierung aufschwingen!“ Da die Menschen dies erwarteten, würden sich viele Geschäftsführer von einem solchen Vorschlag Erfolg versprechen – und manche würden es vorschlagen. Weil diese Chefs nicht verrückt klingen würden, fügten sich viele ihrer Untergebenen ihrem Plan – und ihr Plan (oder der eines Rivalen) würde vermutlich Verwirklichung finden.
So weit, so schlecht. Nehmen wir jedoch an, dass ein stabiles anarchokapitalistisches System existierte. Dann dreht sich diese Logik um. Da jeder an das System gewöhnt ist, erwarten die Menschen von privaten Polizeiunternehmen, Streitigkeiten einvernehmlich beizulegen. In einer solchen Situation würde ein Geschäftsführer, der einen Eroberungskrieg vorschlägt, verrückt erscheinen – und seine Vorschläge würden bei seinen Mitarbeitern auf taube Ohren stoßen. In einer stabilen anarchokapitalistischen Gesellschaft kriegt ein kriegshetzerischer Geschäftsführer keinen Krieg. Er kriegt eine fristlose Kündigung.
Da wir niemals Anarchokapitalismus hatten, hört sich dieses friedliche Gleichgewicht nach Wunschdenken an. Aber es ist kein wunschvolleres Denken als der Glaube an eine stabile Demokratie. Beide Systeme wirken verrückt, wenn sie erstmals in Betracht gezogen werden. Keines kann so lange stabil bleiben, wie es die Menschen noch für instabil halten. Aber beide können stabil sein, sobald man erwartet, dass sie stabil sind.
Man könnte einwenden: Es ist hoch unwahrscheinlich, dass wir die zur Erhaltung des Anarchokapitalismus notwendigen Erwartungen jemals antreffen werden. Aber das selbe galt vor tausend Jahren für die Demokratie. Wie haben sich die Erwartungen so dramatisch gewandelt? Das ist kompliziert. Aber können sich Erwartungen dramatisch wandeln? Absolut.